Wie manifestieren sich unwissentlich und schleichend frühere Generationen emotional und körperlich in uns? Die Frage nach den Ahnen, ihrer Wirkung in unserem Körper, in unserem Verhaltensweisen uns selbst gegenüber, unserem Umfeld, dem Fremden und Unbekannten und in unserem Verständnis ist Basis der Stückentwicklung. Unter der wissenschaftlichen Annahme, dass das „Ich“ des Einzelnen zu 40 % von seinen Vorfahren besetzt ist, stellen die drei Akteure Fragen nach dem Umgang mit dieser Besetzung: Wie mit ihr in Kontakt treten? Wie sich von ihr befreien? Wie aus der Ahnenreihe heraustreten? Wie kann all das noch in diesem Leben unter einen Hut gebracht werden? Was kann man in diesem Leben noch weitergeben und was passiert mit dem, was man hergibt? Dabei geht es nicht im Geringsten um Esoterik, vielmehr soll das Wissen, das der Einzelne über seine Ahnen in sich trägt, erfahrbar gemacht werden.

„Wir wollen keine Zukunft, wir wollen, dass die Gegenwart nicht aufhört, aber wir wollen um Gottes willen auch keine Veränderung und deswegen leben wir in so einer sonderbaren Zeit der Verhinderung von Zukunft, der Verhinderung von Veränderung.
Leider ist das genau das, was Monarchen um 1914 versucht haben zu tun. Zukunft und Veränderung zu verhindern.
Und sie haben uns gezeigt, wenn man versucht, Zukunft zu verhindern, wird sie einen einfach irgendwann überrollen.“ (Philip Blom)
Die Gedanken des Historikers Blom treffen exakt den Nerv, den Tobias M. Draeger für seine neue Tanzproduktion genauer untersucht.

Im Rahmen des Festivals RODEO 2016 fand eine erste Recherchenhase zu dem Thema unter dem Titel „Besetzung“ statt. Nun soll die Recherche intensiviert und ein Stück entwickelt werden.
In dem interdisziplinärem Zusammenspiel mit dem Ahnenforscher und Kinesiologen Marcin Koch, dem brasilianischen Tänzer Edson Beserra und der jungen Mutter und Performerin Agnes Federer setzt sich Tobias M. Draeger ganz bewusst mit diversen kulturellen Hintergründen und Lebenszu- und Umständen auseinander; mit der generationsbehafteten Vergangenheit und deren individuellem Verständnis und Erleben.

Das Sich-Bewegen in den Feldern von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Das Anhaften in einem dieser Felder. Die Gefangenschaft in einem dieser Felder, der Zwischenzustand zwischen diesen Feldern, der uns zurückzieht und -hält von Taten; die unausweichliche Konfrontation mit dem Sein, die sich weder weg- noch aufschieben lässt, sondern umso gewaltiger über uns rollt. In diesem sowohl alltäglichen als auch geopolitischen und kultur-soziologischen Kosmos bewegt sich die choreographische Arbeit um das Thema Besetzung: die Konfrontation mit den Kräften, die uns zurückhalten davon, zu handeln, uns zu entwickeln, Schritte im Jetzt zu setzen.

Fasziniert von den physiologischen Auswirkungen von geopolitischen und sozialen Umständen auf Menschen und ihr physisches und psychisches Sein , beschäftigt sich Tobias M. Draeger mit der körperlichen Transformation dieser teils bewusst teils unbewusst ablaufende Manifestierungen und Handlungsweisen.

Über die intensive Körperarbeit gepaart mit Research-Methoden aus der angewandten Kinesiologie und Osteopathie versetzt Tobias M. Draeger die Körper in seiner choreographischen Arbeit in eine Transformation, um gesellschaftspolitische Zustände zu spiegeln: Das alltägliche emotionale Wechselbad names Leben aus friedvoller Zartheit, hiercharischem Überlegenheitsdenken, dem Streben nach Zufriedenheit und Harmonie, dem Sich-Aufreiben an sich selbst und der in jeder Person steckenden Generationsanhaftungen, die zu seelischen und körperlichen Deformationen aber auch zu einer körperlichen Erlösung führen kann.

Da alles wird in einer solch detailgetreuen Art und Weise auf die Bühne gebracht, dass das Publikum in seiner filmischen Beobachtungsaufmerksamkeit gefordert wird.

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Im Lichtdesign findet eine weiterführende Vertiefung auf der Basis des künstlerischen, dramaturgischen Lichtdesigns der bisherigen Arbeiten von Tobias M. Draeger statt: als Fortführung der Produktionen „WANT TO BE BLACK“ im Tanzhaus Zürich und der prämierten Soloarbeit „DAILY MADNESS“, die auf den Verzicht von externem Theaterlicht setzt, wird „Legacy Now“ nur durch Kerzenlicht erhellt.

Die Kerzen stellen dramaturgisch und szenentechnisch einen grossen Wert dar: gepaart mit der klaren Umsetzung eines scheinbar nicht aus unserer Zeit stammenden Lichtdesigns wird der Zuschauer durch jede/ n KünstlerIn, der sich und seinen Weg beleuchtet, auf sich selbst zurückgeworfen.
Ebenso wird das Publikum gefordert, zu sehen, was zu sehen ist, was man wirklich sehen kann und will; was die Dunkelheit auslöst der man im heutigen technisierten Alltag, egal ob tags oder nachts, kaum mehr ausgesetzt ist; dahinter zu blicken, was einem verborgen bleiben will, womit man sich nicht konfrontieren will.

Isolieren wir uns in jenen aktuellen Zeiten des Umbruchs immer mehr in eigene Welten, in der eigene Ideen aufgehen? Wen lässt man teilhaben und was schützt man dadurch wirklich?
Wo findet die persönliche Abgrenzung statt, wo Interaktion mit sich selbst, mit dem Aussen? Wer und was ist das Dunkel und wie kommt Licht – als Metapher der klaren Sicht und Entscheidung – in die Sache?

Choreographie: Tobias M.Draeger
Tanz/ Performance: Agnes Fuderer, Edson Beserra, Tobias M.Draeger
Kostüme & Bühne: Sina Gentsch
Wissenschaftliche Ahnenberatung: Marcin Koch
Dramaturgie: Hildegard De Vuyst (angefragt)
Produktion: Sabine Klötzer
Komposition: Thomas Binder Reisinger