u.Co creation mit HELENA WALDMANN

Ecotopia Dance

 

Das gesamte 18. Jahrhundert träumte von einem «Streben nach öffentlichem Glück». Für Thomas Jefferson war das Glück in der amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 wesentlich wichtiger als der Schutz des Eigentums. Das «öffentliche Glück» (public happiness), das Recht auf Einmischung und Mitgestaltung, galt als der Beweis der eigenen Freiheit. Für Kant war dies noch ebenso wesentlich. Doch das «public» verschwand, das «Glück» wurde verkürzt zum «Pursuit of Happiness», zum Recht auf ein Streben nach (privatem) Glück, dass jeder nach seiner Facon glücklich werde. Damit war das Glück gleichsam privatisiert und aus der Politik verbannt.

Glücklichsein ist nur noch eine Forderung an sich selbst. Der Philosoph Peter Strasser beschreibt das Gefühl, in dieser Privatsphäre heute nur mehr «lebendig tot» zu sein und «nicht wirklich» zu leben». Das Glücks-Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können, war für das 18. Jahrhundert kein Gefühl, es war es eine politische Forderung. Die Umarmung der Welt in Freiheit war eine tatsächlich revolutionäre Alternative zum Rückzug ins Private. Im Zeichen von Transparenz und Basisdemokratie scheint dieser Widerstreit zwischen öffentlicher Wohlfahrt und privatem Interesse auch in Deutschland nun neu aufzuflammen, aber niemand redet von Glück. Allenfalls davon, «Systeme» zu verbessern.

Das Glück selbst, sagt Helena Waldmann, ist für lebendig tot erklärt worden. Ihr «Glückstück» fordert das Recht auf Glück zurück, im öffentlichen Raum, dem Theater, in einer verheißungsvoll glitzernden Manege, die sämtliche Glückversprechen als garantiert nicht zielführend entlarvt. Glück ist kein Versprechen, sondern ein Seiltanz, in dem die 2011 zur „Tänzerin des Jahres“ gekürte Brit Rodemund und ihre drei ebenbürtigen Mitstreiter gegen den dressierten Gleichschritt und das verordnete Mittelmaß in virtuosem Tanz quer durch Swing und Rock-Epochen ein uns abhanden gekommenes Gefühl zelebrieren: Selbstironisch augenzwinkernd und verschwörerisch ins Publikum grinsend tanzen sie an gegen Zucker und Peitsche, gegen den goldenen Käfig, ihre Manege mit der Goldkante, Furchtlos und zum Sterben schön.

GlückStück ist eine Produktion von Helena Waldmann und ecotopia dance productions
in Koproduktion mit Belgrade Dance Festival (Serbia), Burghof Lörrach (D), Festival Bregenzer Frühling (A), ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival (A), Migros-Kulturprozent Tanzfestival Steps (CH), Tafelhalle im KunstKulturQuartier Nürnberg (D), Tanzhaus NRW Düsseldorf (D) gefördert durch Hauptstadtkulturfonds

CAST & CREW
TANZ
ANDRé SOARES, BRIT RODEMUND, MOO KIM, TOBIAS M. DRAEGER
KONZEPT UND TANZREGIE
HELENA WALDMANN
DRAMATURGIE UND STüCKENTWICKLUNG
DUNJA FUNKE
LICHT
HERBERT CYBULSKA
KOSTüM
MARI KRAUTSCHICK

PREMIERE
15.12.2011 RADIALSYSTEM V BERLIN (D)

PRESSE:
«Fun ist ein Stahlbad», schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno einst. Und wenn auch Fun mit Glück nicht gleichzusetzen ist, so fällt doch auf, dass auch Glück heutzutage beinahe zur Pflicht und Sucht geworden ist, zu etwas, das man mit Drill oder Konsum erreichen zu können glaubt. Dieser Ansicht ist zumindest die Berliner Choreografin und Regisseurin Helena Waldmann. In ihrem «Glückstück » lässt sie die vier Tänzer André Soares aus Portugal, Brit Rodemund aus Berlin, Moo Kim aus Korea und Tobias M. Draeger aus München den Grat entlanggehen zwischen dem, was Glück ist, und dem, was Glück zu sein scheint. Waldmann zeigt, wie die Artisten dem Glück hinterherjagen oder sich von ihm ereilen lassen. «In 10 Minuten kommt das Glück», heißt es. Und wunderbar ironisch kommt die auf das Zelt projizierte Anleitung zum Sterben daher: «Man nehme ein Mittel gegen Übelkeit, 80 Anti-Malaria-Tabletten in Apfelmus, Schlaftabletten und eine aufrechte Haltung ein. Viel Glück!» Besteht das menschliche Glück in der Gewissheit, dass man in den Tod gehen darf, dass das Leben endlich ist? Theodor W. Adorno, sagt, dass erst, wer gelitten hat, fähig ist, Glück zu empfinden. Angewandt auf den Schluss der Choreografie könnte dies heißen, dass nur, wer sich der Endlichkeit des Lebens bewusst ist, im Moment leben kann.
Neue Züricher Zeitung, 27.4.2012, Katja Baigger

GLüCKSTüCK VON HELENA WALDMANN
Vier hervorragende Tänzer treiben auf der kleinen Fläche eines Varieté-Zelts die Welt der großen Sehnsüchte vor sich her. Man erlebt eine Artistik wie auf dem Hochspannungsseil.
Claus Clemens, Rheinische Post 10.3.2012